Nachdem Robert-François Damiens am 5. Januar 1757 in Versailles König Ludwig XV. mit einem Federmesser einen oberflächlichen Kratzer zugefügt hatte, reagierte die französische Justiz maßlos. Am 28. März 1757 wurde Damiens bei vollem Bewusstsein auf der Pariser Place de Grève die Hand mit Schwefelfeuer bis auf die Knochen abgebrannt, bevor man ihn mit glühenden Zangen traktierte und kochendes Blei, Öl und Pech in die klaffenden Wunden goss. Die hiernach angeordnete Vierteilung geriet zum Fiasko, da die vier Pferde es in unzähligen Anläufen kaum vermochten, den Körper zu zerreißen, bis mit dem Messer nachgeholfen wurde. Die Tortur dauerte unter den markerschütternden Schreien des Verurteilten fast zwei Stunden.
Ludwig XV. soll weinend zusammengebrochen sein, als man ihm Bericht über die Qualen Damiens’ erstattete. Das Publikum auf dem Platz war von stabilerem Gemüt. Das Protokoll des Wachoffiziers Bouton, die Gazette d’Amsterdam vom 1. April 1757 und die Memoiren des Scharfrichters Sanson schildern nicht nur minutiös die grauenhaften handwerklichen Details, sondern auch die gigantische Menschenmenge, die sich begierig versammelt hatte, um Damiens‘ Tod beizuwohnen und auf der Place de Grève geradezu ein Volksfest feierte. Die gesamte Oberschicht hatte sich die Fenster der angrenzenden Häuser Wochen zuvor zu Wucherpreisen gesichert, um das Spektakel zu genießen. Man trank Wein, reichte Konfekt und spielte Karten bei bester Sicht auf das Geschehen.
Während unten auf dem Pflaster die Pferde vergeblich an den Gliedmaßen Damiens’ zerrten, soll Tiretta der Dame die schweren Seidenröcke hochgehoben und mit ihr den Beischlaf vollzogen haben.
Giacomo Casanova berichtet in seinen Memoiren, dass er für drei Louisdor einen exzellenten Logenplatz für sich, seinen Freund Graf Tiretta und zwei adlige Damen gemietet habe. Weil es am Fenster eng war, habe Tiretta dicht hinter der älteren der beiden Frauen gestanden. Während unten auf dem Pflaster die Pferde vergeblich an den Gliedmaßen Damiens’ zerrten, soll Tiretta der Dame die schweren Seidenröcke hochgehoben und mit ihr den Beischlaf vollzogen haben. Die Adlige unterhielt sich derweil ungestört mit den Umstehenden über die handwerkliche Arbeit der Henkersknechte.
Sieben Jahre später, im Jahr 1764, kritisierte der italienische Rechtsphilosoph Cesare Beccaria in in seinem Hauptwerk „Dei delitti e delle pene“ die Praxis öffentlicher Hinrichtungen. Nach seiner Auffassung war die Todesstrafe für die Massen zu einem bloßen Schauspiel mutiert, das bei einigen wenigen bestenfalls eine diffuse Mischung aus Mitleid und Empörung hervorrief, anstatt den heilsamen Schrecken und Respekt vor dem Gesetz zu erzeugen, den die Obrigkeit eigentlich beabsichtigte.
Bis sich diese und andere Ansichten Beccarias durchsetzten, verging jedoch noch viel Zeit. In den hundert Jahren nach der Hinrichtung auf der Place de Grève hatte sich das Selbstverständnis der Staaten gewandelt. Die Justiz der aufkommenden bürgerlichen Gesellschaften wollte verhältnismäßige, nüchterne und präzise Exekutionen. Doch das Publikum vor dem Schafott war geblieben. Die Berichte über öffentliche Hinrichtungen in Europa bis in die 1860er Jahre lesen sich wie eine fortlaufende Bankrotterklärung der westlichen Zivilisation.
1849 stand der Schriftsteller Charles Dickens fassungslos vor dem Londoner Horsemonger Lane Gaol, als das Ehepaar Frederick und Maria Manning wegen Mordes gehängt wurde. Auf dem Schafott waltete der berüchtigte Henker William Calcraft, der für seine Methode des „Short Drop“ – eines extrem kurzen Fallstricks – bekannt war. Das Seil brach den Verurteilten beim Sturz durch die Luke nicht das Genick, sondern würgte sie langsam zu Tode. Während das Ehepaar mit auf dem Rücken gebundenen Händen wild in die Leere trat und sich minutenlang am Seil strangulierte, zelebrierten die 30.000 Schaulustigen am Fuße des Galgens ein Volksfest.
Dickens war derart angewidert, dass er noch am selben Tag einen Leserbrief an The Times verfasste:
„Die Schrecken des Galgens und des Verbrechens, das diese elenden Mörder dorthin brachte, verblassten in meinem Geist vor dem abscheulichen Gebaren, den Blicken und der Sprache der versammelten Zuschauer. Schlägereien, Ohnmachtsanfälle, Pfeifkonzerte, Kasperle-Imitationen, brutale Witze und tumultartige Bekundungen unanständiger Freude, wenn ohnmächtige Frauen mit zerrissener Kleidung von der Polizei aus der Menge gezerrt wurden, verliehen der allgemeinen Unterhaltung eine neue Würze.„
Die Zuschauer reagierten auf das Schauspiel über ihren Köpfen lachend mit Spottversen auf den Sterbenden und sangen aus voller Kehle „Rule Britannia“.
Als der deutsche Schneider Franz Müller am 14. November 1864 vor dem Newgate-Gefängnis an den Galgen trat, glich der Richtplatz erneut einem Tollhaus. Rund 50.000 Menschen drängten sich im strömenden Regen. Erneut versagte die Methode des Henkers. Der Deutsche stürzte durch die Falltür, zuckte mit anlaufendem Gesicht am Strick und rang um Atem, bis Calcraft schließlich selbst unter das Schafott steigen und sich mit seinem eigenen Körpergewicht wuchtig an die Beine des zappelnden Verurteilten hängen musste, um die Wirbel zu brechen und den Todeskampf zu beenden. Die Zuschauer reagierten auf das Schauspiel über ihren Köpfen lachend mit Spottversen auf den Sterbenden und sangen aus voller Kehle „Rule Britannia“.
Als der irische Attentäter Michael Barrett am 26. Mai 1868 öffentlich vor Newgate gehängt wurde, reisten die Zuschauer nicht mehr zu Fuß oder mit der Kutsche an. Sie nutzten die nahegelegene Station Farringdon der erst kurz zuvor eröffneten Metropolitan Railway – der ersten U-Bahn der Welt, stiegen also in das modernste Verkehrsmittel des industriellen Zeitalters, um zu dem archaischen Spektakel zu pendeln. Als Barrett schließlich am Strick hing, grölte die Menge nicht mehr „Rule Britannia“ sondern den Music-Hall-Hit „Champagne Charlie“.
Drei Tage später verbot das britische Parlament öffentliche Hinrichtungen.
Im thüringischen Greiz wurde am 21. Oktober 1864 Marie Rosine Strauß zum Richtplatz geführt. Sie hatte die Ehefrau ihres Liebhabers erdrosselt und die Leiche an einem Webstuhl aufgehängt, um einen Suizid vorzutäuschen. Als sie hingerichtet wurde – mit dem Schwert, da der Scharfrichter mit dem eigentlich vorgesehenen Richtbeil nicht umgehen konnte – drängten sich ebenfalls tausende Schaulustige um das Schafott.
Es war die letzte öffentliche Hinrichtung in Deutschland.
Vier Jahre später zog die Exekution des Raubmörders Georg Ratkay am 30. Mai 1868 in Wien zehntausende Menschen vor die Matzleinsdorfer Linie. Die Wiener Morgen-Post vom folgenden Tag protokollierte einen völligen moralischen Kontrollverlust. Die gesamte Wiener Halbwelt hatte den Richtplatz bereits in der Nacht belagert. „Dirnen jeder Qualitäten“ feierten völlig betrunken und Gassenhauer singend. Händler boten lautstark „Ratkay-Schnaps“, „Strick-Wecken“ und „Galgen-Würstel“ feil. Schaulustige mieteten sich für bis zu einen Gulden auf improvisierten Holztribünen ein. Kurz vor Ankunft des Delinquenten brach das vollbesetzte Dach eines angrenzenden Magazins unter der Last der Masse zusammen. Die Menschen stürzten neun Fuß tief auf den Lehmboden – der Rest des Publikums quittierte das mit Beifall. Als Ratkay schließlich stranguliert wurde, johlte die Menge “in wahrhaft empörender Weise, als ob es sich um eine Festvorstellung handeln würde“, so die Morgen-Post, während Taschendiebe im dichten Gedränge ungestört das Publikum ausnahmen. Das Spektakel verkam zu einem derart widerwärtigen Klamauk, dass Kaiser Franz Joseph die Konsequenzen zog: Ratkay blieb der letzte Mensch, der in Österreich öffentlich hingerichtet wurde.
Am 11. Februar 1869 wurde im kanadischen Ottawa Patrick James Whelan, verurteilt für ein politisches Attentat, bei Minusgraden in einem peitschenden Schneesturm gehängt. Vor dem Carleton County Gaol harrten 5.000 Zuschauer aus. Der Henker berechnete die Länge des Seils und das Fallgewicht falsch. Whelans Genick brach beim Sturz durch die Luke nicht. Fünf Minuten lang zuckte er am Seil und trat mit den Fersen in die leere Luft. Die Menge applaudierte.
Am 18. Mai 1876 patzte der Scharfrichter Per Steineck bei der öffentlichen Hinrichtung des schwedischen Raubmörders Konrad Tector auf der Insel Gotland mit dem Handbeil. Er verfehlte beim ersten Schlag den Hals. Das Beil krachte wuchtig zwischen die Schulterblätter. Der zweite Schlag traf den Hals, durchtrennte ihn jedoch nur unvollständig. Erst der dritte Hieb löste den Kopf vom Rumpf. Die angereiste Menge soll vor Zorn über die Stümperei getobt haben. Steineck musste fliehen, um nicht selbst gelyncht zu werden.
Auch Schweden schaffte das öffentliche Spektakel danach eilig ab.
Bis zur Jahrhundertwende hatten die meisten europäischen Staaten Hinrichtungen in die umschlossenen Innenhöfe der Gefängnisse verbannt.
1932 schrieb Ernest Hemingway in seinem Essay “Tod am Nachmittag”, der einzige Ort, wo man Leben und Tod, das heißt den gewaltsamen Tod, noch sehen könne, sei die Stierkampfarena. Noch bevor schon sieben Jahre später der zweite Weltkrieg ausbrach, hätte es jedoch noch genügend Gelegenheiten außerhalb der Arena gegeben.
In den Vereinigten Staaten lockte am 14. August 1936 die Tatsache, dass eine Frau – Sheriff Florence Thompson – für die Erhängung des schwarzen Landarbeiters Rainey Bethea zuständig war, etwa 20.000 Schaulustige und zahlreiche Reporter in die Kleinstadt Owensboro in Kentucky. Die ganze Nacht hindurch feierte die Menge in den lokalen Bars „Hanging Parties“. Als Bethea schließlich auf dem Schafott stand, war der engagierte Exekutor Arthur Hash derart betrunken, dass er das Signal verpasste und ein hastig herbeigeeilter Deputy den Hebel für die Falltür betätigen musste. Kaum war Bethea durch die Falltür gestürzt und für tot erklärt worden, fielen Souvenirjäger über den noch am Seil hängenden Leichnam her, rissen ihm die schwarze Kapuze vom Gesicht und schnitten Stofffetzen als Trophäen heraus, wie die Washingtoner Evening Star Stunden später berichtete.
Es war die letzte öffentliche Hinrichtung in den Vereinigten Staaten.
In Frankreich war erst drei Jahre später Schluss mit der Öffentlichkei. Als der Serienmörder Eugen Weidmann – die “deutsche Bestie”, der „Mörder mit dem Samtblick“ – am frühen Morgen des 17. Juni 1939 guillotiniert werden sollte, hatten sich bereits am Vorabend tausende Menschen vor dem Gefängnis Saint-Pierre in Versailles versammelt. Die Gaststätten blieben über Nacht geöffnet, die Menge zechte durch und riss Witze. Der Lärm soll bis in Weidmanns Zelle zu hören gewesen sein. Am Morgen drängte man sich vor dem Gefängnis und an den Fenstern des gegenüberliegenden Hotels wie vor einer Premiere – eine Replik auf Casanovas Logenplatz knapp zweihundert Jahre zuvor. Nachdem Weidmann aus dem Gefängnis geführt wurde, dauerte es zumindest nur etwa zehn Sekunden von der Niederwerfung auf das Klappbrett bis zur Abtrennung des Kopfes. Kurz darauf knallten Champagnerkorken, man trank auf die Bestie.
Premierminister Edouard Daladier soll von der hysterischen Stimmung schockiert gewesen sein. Am 24. Juni 1939 verfügte er, dass Hinrichtungen auch in Frankreich künftig hinter Gefängnismauern zu vollziehen seien.
Hemingways “Tod am Nachmittag” ist nicht in erster Linie ein Buch über eine spanische Tradition. Es ist der Versuch, der Faszination der Massen für Gewalt und Tod einen Sinn abzuringen. Es wurde vom Literaturbetrieb zunächst pikiert aufgenommen. Max Eastman warf Hemingway in einem Verriss vor, seine eigenen intellektuellen Unsicherheiten hinter “aufgesetztem Brusthaar“ zu verbergen – eine Kränkung, die Hemingway derart traf, dass er Eastman im New Yorker Büro ihres gemeinsamen Lektors ein Buch ins Gesicht schlug und sich mit ihm auf dem Teppich wälzte.
1935 steuerte Hemingway dem Cocktailbuch “So Red the Nose” eine nach seinem eigenen Werk benannte Rezeptur bei:
Death in the Afternoon
Gießen Sie einen Jigger (4 – 5 cl) Absinth in ein Champagnerglas. Geben Sie eisgekühlten Champagner hinzu, bis die richtige opalisierende Trübung erreicht ist. Trinken Sie drei bis fünf davon langsam.
Ein ziemlich brachiales Konzept. Es brauche schon einen Mann mit Haaren auf der Brust, um fünf solcher Cocktails zu trinken und die englische Sprache immer noch in Hemingway-Manier zu beherrschen, kommentierten die Herausgeber Hemingways Kreation.
Der Tod am Nachmittag lässt sich offensichtlich auch hervorragend mit purem Champagner und in schweren Seidenröcken konsumieren, wie nicht nur Casanovas Begleiterinnen auf der Place de Grève bewiesen hatten.
Permalink: https://pitaval.online/366
