„In dem Augenblicke, wo der Kapitän Gibson den letzten Seufzer aushauchte, haftete sein letzter Blick – ein Blick des Schreckens und der Angst – auf den Mördern, und im Grunde seiner Augen fixierten sich die Gestalten Flig Balts und Vin Mods. Und als Hawkins das beklagenswerte Opfer photographierte, erschienen auch die geringsten Einzelheiten des Gesichtes auf der Platte wieder. Schon auf dem ersten Abzuge hätte man unter Benutzung eines starken Vergrößerungsglases im Grunde des Augapfels die Gesichter der beiden Mörder erkennen können, und dort fand man sie auch noch jetzt wieder.
Wie hätte damals aber den Herren Hawkins, Zieger und Hamburg ein solcher Gedanke kommen sollen? … Nein, es bedurfte des Zusammenwirkens aller Nebenumstände, des von Herrn Zieger geäußerten Wunsches, eine vergrößerte Photographie des Kapitäns Gibson nach Port-Praslin mitzunehmen, und ebenso der Herstellung dieses vergrößerten Bildes im Atelier des Reeders.
Als dann Nat Gibson herangetreten war, um das Bild seines Vaters zu küssen, da glaubte er im Hintergrunde der Augen zwei leuchtende Stellen zu erblicken. Er nahm deshalb eine Lupe zu Hilfe und sah und erkannte nun deutlich die Gestalt des Bootsmannes und die seines Helfershelfers.
Jetzt haben nach ihm auch die Herren Hawkins und Zieger sie gesehen und wiedererkannt. Karl und Pieter Kip waren es nicht, deren Bild das Auge des Toten bewahrt hatte … es war Flig Balt und war Vin Mod!“
In Jules Vernes 1902 erschienenem Roman „Die Gebrüder Kip“ rehabilitiert der Ermordete die zu Unrecht Beschuldigten und überführt die wahren Täter, indem er das Letzte, was er zu Lebzeiten gesehen hatte, als Bild auf der Netzhaut bewahrte.
Der Fortschrittsoptimist Verne lieferte auch so etwas wie einen wissenschaftlichen Unterbau: Es sei durch ophthalmologische Versuche unzweifelhaft nachgewiesen, dass sich Gegenstände der Außenwelt, die sich nur einmal auf der Netzhaut abspiegelten, auf dieser lange Zeit erhalten könnten, heißt es im letzten Kapitel des Romans. Das Organ des Gesichtssinnes enthalte einen besonderen Stoff, den Aderhautpurpur, auf dem sich die Bilder getreu fixierten. Man könne sie sogar in voller Klarheit erkennen, wenn das Auge nach dem Ableben herausgenommen und in ein Alaunbad gelegt werde.
Mythos und Wissenschaft
Die Vorstellung vom Bild des Täters im Auge des Opfers war freilich nicht „unzweifelhaft nachgewiesen“, gründete aber auch nicht allein auf Volksglauben und Mythos: Bereits im 17. Jahrhundert wurde die Idee der Retina eines Toten als Träger seines letzten Eindrucks formuliert.
Der Jesuit und Naturforscher Christoph Scheiner beschrieb in seinem 1619 in Innsbruck gedruckten Werk „Oculus hoc est: Fundamentum opticum“ optische Versuche mit winzigen Öffnungen und gekreuzten Strahlen und betrachtete das Auge als optischen Apparat, in dem ein Bild zustande kommt. Scheiner präparierte ein Rinderauge so, dass man auf der durchscheinenden Netzhaut ein umgekehrtes Bild der Außenwelt erkennen konnte. Bei der Sektion eines toten Frosches soll er auf der Retina ein schwaches Bild gesehen und dieses als den Eindruck gedeutet haben, den das Tier unmittelbar vor dem Tod wahrgenommen habe.
1868 schrieb der Arzt Dr. Edme Antonin Bourion aus einer Provinzstadt in den Vogesen an die Pariser Société de médecine légale und an die Société médico-psychologique. Er legte Abbildungen vor, die er von den Netzhäuten zweier Mordopfer angefertigt haben wollte, einer Frau und eines dreijährigen Kindes – in der Hoffnung, hierauf das Abbild des Mörders zu entdecken. Er selbst wollte auf einem der Bilder den Kopf des Hundes der Getöteten und auf einem anderen zumindest zum Teil eine Person entdeckt haben. Obwohl das Schreiben bei den meisten Mitgliedern der Gesellschaften Skepsis auslöste und wohl auch niemand etwas auf den Bildern erkennen konnte, wurde der Mediziner Auguste Gabriel Maxime Vernois mit der Überprüfung der These durch Experimente an Hunden und Katzen beauftragt.
16 Tiere mussten sterben – einige durch Strangulation, andere wurden mit Blausäure vergiftet. Auf die Augen bereits verstorbener Tiere wollte man nicht zurückgreifen. Zum einen, weil Augen zu den am schnellsten verwesenden Körperteilen gehören, zum anderen in der Annahme, dass intensive Angstzustände im Moment des Todes eine Voraussetzung dafür sein könnten, dass sich das letzte Bild auf der Netzhaut wirklich dauerhaft fixiere. So wurden die Tiere vor und während der Tötung verängstigt, und ihnen wurden markante Gegenstände vor die Augen gehalten, die man später auf der Retina gut hätte erkennen müssen. Ein Hund wurde mit einem Stock bedroht. Auf den unmittelbar nach der Tötung untersuchten Netzhäuten fand sich aber durchgängig: nichts. Vernois ging davon aus, dass sämtliche angefertigten Abbildungen nur die oberflächlichen anatomischen Gegebenheiten der Retina zeigten.
Nach der Entdeckung des Rhodopsins – auch Sehpurpur genannt – durch Franz Boll und Wilhelm Friedrich Kühne 1876/1877 erhob Letzterer die Theorie um die Fixierung des letzten Bildes, das ein Lebewesen vor dem Tod sieht, zur Wissenschaft und prägte für diese den Begriff „Optographie“.
Auch Kühne experimentierte mit Tieren in unterschiedlichsten Versuchsanordnungen, um „Optogramme“ – Bilder auf den präparierten Netzhäuten der getöteten Labortiere – zu gewinnen. Unzählige Frösche, Albinohasen, Fische und sogar Ochsen mussten ihr Leben lassen. Nach unzähligen erfolglosen Versuchen gelang es Kühne schließlich bei einem Kaninchen, das mit weit geöffneten, fixierten Augenlidern in einer Vorrichtung unbeweglich vor ein Laborfenster platziert und nach zwei Minuten durch Abtrennung des Kopfes getötet wurde, ein Optogramm zu gewinnen. Die Netzhaut wurde in einer Dunkelkammer abgelöst und in Alaunlösung gelegt. Nach drei Tagen entdeckte Kühne darauf grobe Umrisse des vergitterten Fensters als weiße Silhouette.
Nachdem Kühne einige Optogramme von Tieren gewonnen hatte, war es für ihn naheliegend, das Verfahren auch an menschlichen Augen zu erproben. Im März 1878 wurden ihm wunschgemäß die kurz nach dem Tod entnommenen Augen der betagt verstorbenen Bewohnerin eines Pforzheimer Siechenhauses zur Verfügung gestellt. Der Frau waren zwei Minuten vor ihrem Tod die Augen mit einem schwarzen Tuch verbunden worden. Als Kühne diese zwei Tage später untersuchen wollte, waren sie jedoch bereits „cadaverös verändert“ und damit nicht mehr für seine Untersuchungen brauchbar.
Frisches Untersuchungsmaterial
Im November 1880 erhielt Kühne die Gelegenheit, die Augen eines 31-jährigen Mannes zu untersuchen. Der verwitwete Eisengießer Erhard Gustav Reif hatte seine beiden kleinen Söhne im Altrhein ertränkt und war hierfür zum Tode verurteilt worden.
In den Morgenstunden des 16. November 1880 wurde Reif zur Guillotine geführt. Das Fallbeil trennte Reifs Kopf unterhalb der Medulla oblongata vom Körper. Drei Minuten später waren am Körper keine Reflexe mehr zu erzeugen. Kühne führte unverzüglich die Präparation des linken Auges in einem schwach beleuchteten Raum hinter einem Schirm aus rotem und gelbem Glas durch und fand auf der Retina ein drei bis vier Millimeter großes Optogramm, das für etwa fünf Minuten sichtbar blieb. Was genau zu sehen war, ist nicht ganz klar; fotografisch ist der Befund nicht überliefert. Die von Kühne angefertigte Skizze zeigt eine aufrecht stehende, blockhafte Form mit stufenartig gegliedertem oberen Abschluss – drei flache Absätze übereinander. Der Mittelteil wirkt kompakt, der untere Bereich leicht bauchig ausgebeult. Die Konturen sind weich und unscharf – eher eine grobe Silhouette als ein bestimmtes Objekt.
Im Volksmund wurde daraus wahlweise die Klinge der Guillotine oder die Treppe zur Richtstätte. Kühne selbst interpretierte lieber nicht und führte auch keine weiteren Untersuchungen an menschlichen Augen durch. Stattdessen wandte er sich seinem physiologischen Hauptinteresse zu – der Chemie der Verdauung. Kühne isolierte das Trypsin, prägte den Begriff „Enzym“ und wurde auf diesem Gebiet zu einer Autorität.
Das kriminalistische Versprechen der Optographie endete damit aber noch nicht im Dünndarm. In London bekam die Idee 1888 eine prominente Bühne nach dem Mord an Annie Chapman durch Jack the Ripper. Die Presse brachte die Frage auf, ob man die Augen des Opfers fotografieren müsse, um das letzte Bild zu retten. Vereinzelt heißt es sogar, die Polizei habe Chapmans tote Augen geöffnet und fotografiert. Gefunden worden sei jedoch nichts. Bei einem weiteren Opfer Jack the Rippers, Mary Jane Kelly, soll Ähnliches versucht oder zumindest erwogen worden sein. Der Ermittler Walter Dew sprach rückblickend von einem Versuch als verzweifeltem Griff nach einem Beweis, den es nicht gab.
Die Vorstellung, dass das Bild des Täters im Auge des Opfers erhalten bleibe, hielt sich bis in kriminalistische Literatur und kriminelle Milieus hinein lange.
Am Morgen des 27. September 1927 wurde im County Essex, nordöstlich von London an der Ongar Road, die Leiche des Police Constable George William Gutteridge am Straßenrand gefunden, halb sitzend gegen die Böschung gelehnt, die Beine auf der Fahrbahn gestreckt. Gutteridge hielt einen Bleistiftstummel in der Hand, sein Notizbuch lag auf der Straße. Schlagstock und Taschenlampe befanden sich noch am Gürtel des Polizisten, der offenbar durch die beiden tödlichen Schüsse in die linke Gesichtshälfte überrascht wurde, als er gerade etwas notieren wollte.
Der Leiche Gutteridges wurde nachträglich gezielt in beide Augen geschossen.
Man kann das als Exzess werten. Gängig ist jedoch die Deutung, dass die Täter durch das Zerstören der Augen Beweise vernichten wollten. Durch die überflüssige Verdunkelungsmaßnahme wirkten sie stattdessen an ihrer eigenen Überführung mit, weil die in ihrem Auto gefundenen Patronenhülsen zu den Einschusswunden passten.
Ende der 1920er Jahre verschwinden Optogramme aus der öffentlichen Berichterstattung und wohl auch aus den kühnsten kriminalistischen Hoffnungen. Es ist kein einziger Fall bekannt, in dem die Methode einen Täter überführt oder selbst unter Laborbedingungen auch nur mehr als blasse, grob umrissene geometrische Formen geliefert hätte.
1975 nahmen die Ophthalmologen Evangelos Alexandridis und Thomas Klothmann von der Universität Heidelberg auf Bitten eines Kriminalisten nochmals Versuche zur Optographie auf. Erneut wurden Kaninchen mit geöffneten Augen fixiert – knapp 100 Jahre nach Kühne, aber zumindest vorher narkotisiert. Die Tiere wurden vor einer Leinwand platziert, auf die Dias projiziert wurden, und nach einiger Zeit getötet. Nachdem die Augen 24 Stunden in einer Kalium-Alaun-Lösung eingelegt worden waren, lösten die Wissenschaftler die Netzhäute und präparierten sie auf weiße Porzellankugeln.
Tatsächlich zeigten sich die Bilder, die die Tiere im Moment ihres Todes gesehen hatten – u. a. Schachbrettmuster, Zahlen und sogar der Teil eines Bildes von Salvador Dalí.
Dennoch erlebte die Optographie als kriminalistische Methode keine Renaissance. Überträgt man die Heidelberger Versuchsanordnung auf ein reales Gewaltverbrechen, müsste dieses nach streng experimentellen Kriterien ablaufen. Das Opfer müsste zunächst mehrere Stunden im Dunkeln verbracht haben, damit der Sehpurpur maximal regeneriert ist. Anschließend dürfte es ausschließlich auf eine große, sehr helle, stark kontrastierende und unbewegliche Figur blicken, bevor die Blutzufuhr zum Kopf unterbrochen und gleichzeitig das Umfeld vollständig abgedunkelt würde. Unmittelbar danach müsste das Auge bei minimalem Restlicht entnommen, unter rotem Filterlicht präpariert und binnen Minuten chemisch fixiert werden. Jede Verzögerung, jede diffuse Lichtquelle, jede Pupillenreaktion, jede unkontrollierte Blickbewegung würde die photochemische Verteilung verändern oder auslöschen. Selbst dann erhielte man kein Bild im fotografischen Sinn, sondern nur eine wenige Millimeter große Hell-Dunkel-Zone ohne Details.
Es ist der minimale reale Kern der Optographie, der die Geschichte so hartnäckig am Leben hielt. Ein bisschen Wissenschaft, ein bisschen Aberglaube. Jedenfalls eine Hoffnung, die nie erfüllt wurde.
Einen indirekten Erfolg hat die Optographie dann doch noch vorzuweisen: 1925 soll der Mörder Fritz Angerstein gestanden haben, nachdem man ihn hatte glauben lassen, auf den Optogrammen seiner Opfer sei er zu erkennen.
Ob das die zahllosen getöteten Labortiere aufwiegt?
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