Eiskalter Mörder mit warmer Leiche

Eiskalter Mörder mit warmer Leiche

Ich war nach erfolgreichem Abschluss der FACHPRÜFUNG I an der Landespolizeischule in den Einzeldienst zurückgekehrt und war froh, endlich wieder „auf der Gass“ arbeiten zu können. Nach fünf Jahren und vier Monaten wurde ich gemäß REGELBEFÖRDERUNGSGESETZ – will heißen: Gegen diese Beförderung kann der deutsche Polizeivollzugsbeamte keinen WIDERSPRUCH einlegen – zum POLIZEIMEISTER ernannt, denn es ist auch noch kein „POLIZEIMEISTER vom Himmel gefallen“. Aber wieso die normale Beschäftigung eines Schutzpolizisten „EINZELDIENST“ genannt wird, habe ich bis heute nicht verstanden, denn laut POLIZEIDIENSTVERORDNUNG (PDV 100?) darf man aus Gründen der EIGENSICHERUNG nie allein auf Streife gehen, obwohl ich den nachfolgend geschilderten Einsatz allein erfolgreich zum Abschluss bringen konnte.

An jenem ereignisreichen und unvergesslichen Tag war ich mit PHM Blesch auf Fußstreife. Blesch wollte mir sein Revier zeigen und mich ortskundig machen. Die südliche Vorstadt gehörte zwar zum Dienstbezirk des seinerzeit berühmt-berüchtigten 1. Reviers „Münzwache“ inmitten der Altstadt (Koblenzer Davidwache), aber dort waren wir aufgrund der Entfernung selten zu Fuß unterwegs.

Ich fuhr mit einem VW-Käfer 1200 zur Wache am Hauptbahnhof. PHM Blesch wollte jedoch nicht schon von der Wache „auf Schusters Rappen“ zur Fußstreife starten, sondern ich sollte ihn bis zur Grenze seines Reviers fahren. Beim Einsteigen ächzte die Karosserie des VW-Käfers lautstark, und der Wagen neigte sich aufgrund des vom Polizeiarzt festgestellten „Schlachtgewichts“ (so nannte Blesch es selbst!) stark zur Beifahrerseite. Blesch war ein netter Kerl (untersetzte Figur mit kulinarischer Zone rund um den Bauch, waffenscheinpflichtige Hände und einer stattlichen Körpergröße von einsachtundneunzig) und als Kontaktbereichsbeamter im Tagdienst für die südliche Vorstadt zuständig. Blesch behauptete, er kenne alle „verborgenen Ecken“, und zeigte im Vorbeifahren auf die Hinterhöfe, in denen Autofirmen, Druckereien und andere handwerkliche Betriebe ihre Werkstätten hatten. Bei einem dringenden Einsatz könne man diese Örtlichkeiten bei Dunkelheit nur schwer aus dem Streifenwagen erkennen, und daher sei diese „Erkundungsfahrt“ für junge Beamte wichtig, um rechtzeitig an einen Einsatzort in seinem Revier zu gelangen, denn er habe auf der Tageswache immer um 17:00 Uhr Feierabend. Aber „Gott sei Dank“ sei in seinem Revier noch nichts passiert, und das solle auch so bleiben.

Blesch bat mich, zunächst zum Busunternehmen Kilian in der Laubach zu fahren; dort könnten wir am Ende seines Reviers den Streifenwagen abstellen und noch ein paar Schritte zurückgehen. Der ältere Kollege (kurz vor der Pensionierung) konnte weder ahnen, dass der in Koblenz bekannte (einzige) Busunternehmer mein künftiger Schwiegervater war (denn ich trug noch meinen „Mädchennamen“ und war für ihn nur PM Schmitt), noch konnte er wissen, dass ich in „seinem Revier“ schon gewildert hatte. In meiner Sturm- und Drangzeit feierten meine Freunde und ich in den Wohnkommunen der GP-Mäuschen (so nannten sie sich selbstironisch, weil sie an der Erziehungswissenschaftlichen Hochschule Grundschulpädagogik studierten) bis in die frühen Morgenstunden. Blesch ahnte auch nicht, dass es in der „Milchbar“ alles gab, außer Milch, und dort oft ein süß-würziger Geruch durch den schmalen dunklen Raum hinweg zog, wenn der Diskjockey seine Platten auflegte (runde schwarze Scheiben mit einem Loch in der Mitte).

Nachdem Blesch mit Alois Kilian (der mich nur angrinste und den „jungen Schutzmann“ nach dem Namen fragte) sein „zweites Frühstück“ eingenommen hatte – will heißen: zwei Schnäpschen („auf nur einem Bein kann man nicht – auf Fußstreife – gehen“) –, gingen wir endlich los.

Bereits Minuten später ertönte die Stimme des Funksprechers der Einsatzleitstelle über das Handfunkgerät, das Blesch eigentlich nicht mitnehmen wollte („in meinem Revier passiert nix, alles in Lot!“). Von wegen:

„Hier Mosel an alle, Mosel an alle im Stadtgebiet, Mosel kommt mit Ringalarmfahndung, …“ – und es wurde, mit Adresse und genauer Angabe des Tatorts in dem Mehrfamilienhaus gegenüber, ein „soeben verübter Mord“ mitgeteilt. Ich rannte sofort los. Blesch wollte mich noch zurückhalten. Wollte sich kurz vor der Pension nicht mehr in Lebensgefahr begeben. Verständlich, aber vergeblich. Dann humpelte er hinter mir her.

Hinter der Wohnungstür im Erdgeschoss hörten wir eine weinende Stimme.

Ich zog meine Pistole aus dem Holster und blickte Blesch an. Der trug noch die alte große Pistolentasche für die größere Waffe bei der Bereitschaftspolizei am Gürtel. „Willst du nicht deine Waffe in die Hand nehmen?“, flüsterte ich. Blesch zuckte mit den Schultern und öffnete seine Pistolentasche, aus der statt einer Pistole nur zerknülltes Pergamentpapier und ein angebissenes Salamibrot herausragte – der Rest des zweiten Frühstücks. „Willst du den Mörder etwa mit Salamischeiben bewerfen?“, fragte ich verwundert und trat die Wohnungstür ein.

Der Mörder saß auf einem Stuhl, weinte und telefonierte mit der einen Hand. Mit der anderen streichelte er liebevoll die Hände der Frau auf der Couch, die er soeben erwürgt hatte. „Warum hat sie das gemacht?“, fragte er mit zitternder Stimme die Person am anderen Ende der Leitung, ließ sich von mir (ohne Belehrung!) widerstandslos die Handschellen anlegen, mit denen ich ihn an der Heizung fixierte.

Während Blesch per Funk der Einsatzleitstelle die aktuelle Situation mitteilte, versuchte ich, die Tote vergeblich zu reanimieren. Da Blesch inzwischen die Wohnung verlassen hatte, weil dort (angeblich?) keine Funkverbindung zustande kam, griff ich danach zum Telefon, aus dem eine Stimme schrie: „Was ist passiert?“ Nun erfuhr ich, wieso die Leitstelle kurz nach dem Mord den Funkspruch kurz nach der Tat und mit einer exakten Tatortbezeichnung absetzen konnte.

Nachdem die ersten beiden Streifenwagen, Kollegen vom Kriminaldauerdienst und der Notarzt eintrafen, verließen Blesch und ich den Tatort, um unseren Bericht zu schreiben. Vor der Tür verschlang der Polizeihauptmeister noch den Rest seiner Salamistulle und murmelte mit vollem Mund: „Spreche Lob und Anerkennung aus! Haben wir gut gemacht!“ Wen mag er mit „Wir“ wohl gemeint haben?

Was war geschehen? Die Lösung des Falles steht im Rapportbericht der Einsatzleitstelle:

10:55 Uhr: Meldung über einen soeben verübten Mord

Frau Dr. Michels, Mitarbeiterin einer Allgäuer Suchtklinik, teilt über die 110 mit, einer ihrer Patienten habe soeben in Koblenz eine Frau ermordet und danach seine Therapeutin angerufen. Diese wolle den Mörder bis zum Eintreffen der Polizei in ein Gespräch verwickeln. Bei der Toten handele es sich um eine Patientin, die bereits entlassen wurde. Der Mann habe sich in die Frau verliebt. Nach Mitteilung der Adresse und der Wohnlage der Patientin wurde RAF ausgelöst. Zum Zeitpunkt der Durchsage war eine Fußstreife (PHM Blesch, PM Schmitt) zufällig vor der angegebenen Wohnanschrift. Die Beamten konnten den Täter noch vor dem Eintreffen weiterer Kräfte festnehmen, aber das Opfer nicht mehr reanimieren.

Arzt und Kripo verständigt. Bericht gefertigt.


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